Volker Daiss
Schreiner
Fachhochschulreife
Studium der Holztechnik
Studium an der Akademie der Arbeit
Studium Arbeits- und Wirtschaftsrecht, Abschluss: Diplom
Ab 2004 Landesbezirkssekretär NGG Landesbezirk Baden-Württemberg
Ab 2006 Gewerkschaftssekretär NGG in Mannheim
Ab 2018 Geschäftsführer NGG Mittelrhein in Koblenz
Ehrenamtlicher Arbeitsrichter, Sozialrichter
Wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen?
Ich habe ja zunächst nach der Schule eine Ausbildung zum Schreiner gemacht, dann habe ich die Fachhochschulreife gemacht und in Rosenheim Holztechnik studiert. 1993 bin ich wieder zurück in meinen Lehrbetrieb und habe dort einen Betriebsrat gegründet. Ich war Vorsitzender, nicht freigestellt. Wir waren ein 3er-Gremium.
Der Betrieb war Inhaber geführt und es gab drei Betriebsteile. Es war geplant, die drei Betriebsräte zusammenzuführen, dann hätte der Betrieb eine Größe gehabt, die eine Freistellung bedeutet hätte. Es gab aber Ärger mit dem Inhaber und die Belegschaft wurde gespalten.
In dieser Situation erhielt ich das Angebot der Gewerkschaft Holz und Kunststoff GHK, doch hauptamtlicher Sekretär zu werden. Dazu besuchte ich zunächst die Akademie der Arbeit in Frankfurt. Während meines Studienjahrs wurden die IG Metall und die GHK zusammengelegt, was zur Folge hatte, dass es keine freie Stelle für mich gab.
Es wurde mir ein Stipendium über die Hans-Böckler-Stiftung ermöglicht und so ging ich nach Hamburg, an die Hochschule für Wirtschaft und Politik und machte dort einen Abschluss als Jurist für Arbeits- und Wirtschaftsrecht.
2004 begann ich dann als Trainee bei der NGG. Das Traineeprogramm dauerte eigentlich 18 Monate und noch während dieser Zeit wurde ich als Landesbezirkssekretär eingesetzt.
Kannst du deine Motivation beschreiben?
Man hat mich nicht so behandelt, wie es mir zustand. Man hat Ansprüche vorenthalten und das hat meinen Gerechtigkeitssinn wachgerufen und ich suchte den Kontakt zur Gewerkschaft. Ein Gewerkschaftskollege motivierte mich dann zur Betriebsratsgründung.
Und es galt immer: wenn der Arbeitgeber stinkig auf mich ist, dann ist das letztlich die beste Bestätigung für meine Tätigkeit als Betriebsrat. In meinem Lehrbetrieb habe ich bis heute Hausverbot – und da bin ich stolz drauf.
Es geht mir darum, mich für eine gerechte Arbeitswelt einzusetzen. Ich will Leuten helfen, die sich selbst, aus welchen Gründen auch immer, nicht helfen können. Und als Gremium will das der Betriebsrat für alle Beschäftigten.
Meine gute Ausbildung gibt mir Sicherheit im Auftreten gegenüber Arbeitsgebern und auch in Gremien. Ich weiß, was arbeiten heißt: ich kenne Staub und Dreck, und ich kenne auch den Druck, der durch unsicheres Arbeiten entsteht. Und ich kenne es, auf Baustellen improvisieren zu müssen.
Gibt es Erfolge/Ereignisse, auf die du gerne zurückschaust?
Ich darf mir auf die Fahne schreiben, dass eine Großbäckerei mit immerhin 250 Filialen und 2000 Beschäftigten nun einen Unternehmenstarifvertrag hat. Außerdem gibt es vier regionale Betriebsräte in dem Unternehmen. Ich bin stolz, dass das gelungen ist.
Letztlich ist jeder Tarifvertrag ein Erfolg. Ebenso jeder erfolgreich geführte Arbeitskampf.
Wenn sich Betriebsräte, die ich betreue, etablieren und erfolgreich einsetzen für die Beschäftigten, dann ist das ein Erfolg.
Und: auf der mehr persönlichen Ebene freut es mich sehr, wenn es gelingt, für einzelne Mitglieder ihre Ansprüche durchzusetzen und ihr Leben dadurch etwas besser zu machen.
Da habe ich mir manches jedoch zu sehr zu Herzen genommen und das hat mich vor zehn Jahren ziemlich gebeutelt. Die Existenzsorgen unserer Mitglieder habe ich mit nach Hause genommen, habe Schlafstörungen bekommen und Depressionen. Ich habe eine Zeitlang gebraucht, bis ich mich davon auf gute Weise abgrenzen konnte. Ich war fast neun Monate draußen.
Außerdem muss ich sagen, ich wollte nie Geschäftsführer werden, das ist mir eigentlich zu weit weg von unseren Mitgliedern. Nur Konflikte innerhalb der NGG haben den Wechsel nach Koblenz und damit in diese Rolle bewirkt.
Was sind deine Ziele? Was möchtest du erreichen?
Zunächst einmal ist mein Ziel, dass die Menschen bekommen, was ihnen rechtlich zusteht.
Mir wäre sehr lieb, wenn die Beschäftigten alle realisieren würden, welche Stärke sie haben. 2023 und 2024 hat die hohe Inflation es absolut notwendig gemacht, hohe Abschlüsse zu durchzusetzen. Da haben die Belegschaften gemerkt, welche Kraft sie haben und was möglich ist. Mir hat das Arbeiten mit ihnen richtig Spaß gemacht, aber das ist schon wieder vorbei. Heute steht wieder die Angst viel mehr im Vordergrund. Dabei ist sie bei uns in den Branchen der NGG nicht so nötig wie in den Branchen der IGM oder IGBCE. Die werden gerade mehr gebeutelt als wir in der Lebensmittelbranche. Wir sind immer noch die Gewinner der Corona-Zeit. Die einzige Ausnahme sind die Brauereien. Griesson kann zum Beispiel auf drei starke Jahre hintereinander schauen.
Und da, wo es wenig eigenes Engagement gibt, da gibt es leider auch das Elend: bei Hotel und Gaststätten. Da sind wir dann als Gewerkschaften auch machtlos.
Welche Bedeutung hat der DGB für deine Arbeit?
Ich bin hier in der Geschäftsstelle der einzige politische Sekretär und da ist der Austausch auf Geschäftsführer und – führerinnen Ebene total wichtig für mich ebenso wie der NGG interne Austausch. Außerdem finde ich wichtig, dass der DGB die politische Vertretung übernimmt.
Und hier in Koblenz ganz konkret bin ich Sebastian Hebeisen dankbar. Ich weiß, wenn es darauf ankommt, habe ich seine ganz praktische Unterstützung, dann ist er da, wie zum Beispiel bei Tönissteiner und Coca Cola.
1. Mai 2025 in Koblenz: Volker Daiss am Banner 2. von links
Was unterstützt dich in deinem Job?
Meine Frau. Sie ist ebenfalls Gewerkschaftssekretärin bei der NGG. Der Austausch zuhause ist unverzichtbar für mich.
Was wünschst du dir von der Politik in der jetzigen Situation? Was wäre wichtig aus Arbeitnehmer-Sicht?
Das Wichtigste: Tarifbindung nach oben. Wir brauchen mehr davon.
Ein gutes Tariftreuegesetz ist dringend nötig.
In der Sozialpolitik: da braucht es die Aufhebung der Zwei-Klassen-Medizin. Die Trennung zwischen gesetzlichem und privatem Krankenkassensystem gehört abgeschafft.
In der Sozialversicherung: Kapitaleinkünfte, Erbschaften, Mieteinnahmen und so weiter müssen in die Beiträge einbezogen werden. Man kann dabei über Freibeträge nachdenken, aber grundsätzlich müssen Einnahmen als Berechnungsgrundlage anders definiert werden. Wir brauchen in den Systemen eine größere Basis.
Steuerpolitik: Höhere Einkünfte müssen anders besteuert werden. Auch hier ist über Freibeträge einiges zu regeln.
Gibt es ein oder zwei Situationen, die dir nachgehen? Weil sie so besonders waren. Oder weil sie nicht gut gelöst werden konnten.
Als besonderes Ereignis fällt mir sofort das Jahr 2005 ein. Da ist meine Tochter geboren. Und zehn Tage nach ihrer Geburt haben wir die Brauerei Eichbaum vier ganze Wochen bestreikt.
Die Arbeitgeber waren auf Konfrontationskurs. Es gab scharfe Wachhunde auf dem Betriebsgelände. Sie haben mit verdeckten Kameras die Streikenden bespitzelt. Der Betriebsrat musste sich per Gerichtsbeschluss Zutritt zum Gelände verschaffen.
Das ging für uns alle an die Grenzen. Das waren vier Wochen, wo ich wenig geschlafen habe, dauernd unter Strom stand und ein paar Mal auf dem Weg nach Hause beim Autofahren fast eingeschlafen bin. Eine wahnsinnig intensive Zeit, die ich nicht vergessen werde.
Das war in meiner Anfangszeit in Mannheim, eigentlich war ich noch in Ausbildung und inoffiziell war ich schon Landesbezirkssekretär. Das Ergebnis war gut: wir haben einen Haustarifvertrag durchgesetzt.
Aber der Kampf hat Spuren hinterlassen: die Belegschaft war lange Zeit tief gespalten.
Stell dir vor, es ist 2035, wo siehst du dich? Was beschäftigt Gewerkschaften dann?
Dann bin ich in Rente.
Und die Themen werden die Gleichen sein: der Gegensatz von Kapital und Arbeit wird nicht aufgelöst sein. Das befürchte ich jedenfalls.
Danke, Volker, für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz.