Interview mit Tobias Paulus, IGBCE

Datum

Tobias Paulus

  • seit 1.11.2025 Bezirksleiter IGBCE Mittelrhein
  • seit November 2021 politischer Sekretär
  • seit 2016 politischer Sekretär IGBCE Ibbenbüren
  • Traineeship IGBCE und JAV- und Jugendreferent in Ulm und Köln
  • Gelernter Elektroniker für Automatisierungstechnik

 

Wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen?

Ich komme ja aus dem Saarland. Mein Vater hat bei der RAG, der Ruhrkohle AG, gearbeitet und hat mir immer gesagt hat, dass es wichtig ist, in einem Laden mit Gewerkschaft zu arbeiten, weil es da die besseren Arbeitsbedingungen gibt als im Handwerk. Der Bergbau hat im Saarland eine große Bedeutung gehabt und gleichzeitig war klar, dass es 2012 damit zu Ende sein wird. 

Ich habe also überlegt, was kann ich machen und bin zur Steag, das ist der Energieversorger, damals noch Teil des Evonik Konzerns, und habe dort meine Ausbildung gemacht und sofort im ersten Lehrjahr habe ich mich aufstellen lassen für die Jugendarbeitnehmervertretung JAV und bin gewählt worden. 

Kurz darauf hat die IGBCE mit mir Kontakt aufgenommen und hat mich eingeladen in den Bezirksjugendausschuss in Saarbrücken. Und damit war klar, ich bin Gewerkschafter und ich engagiere mich gewerkschaftlich. 

Ich habe nach dem Fachabitur, wenn man so will, noch einen Schlenker gemacht. Ich bin zur Bundeswehr, habe mich dort für zwei Jahre verpflichtet, war bei den Fallschirmjägern und auch dort bin ich direkt zur Vertrauensperson gewählt worden. Das heißt, ich habe immer schon ein Interesse daran gehabt, mich für andere einzusetzen, Kontakt zu Menschen zu haben und Lösungen zu finden, wenn es Probleme gab.

Was ist deine Motivation? 

Ich finde den Weg der Mitbestimmung in einer Demokratie enorm wichtig, habe gerne Kontakt mit Menschen und unterstütze gerne. Wenn jemand zu mir kommt mit einem Problem, geht es mir wirklich darum, Lösungen zu finden. Und das ist mein Antrieb. Menschen zu helfen, konkret unseren Gewerkschaftsmitgliedern zu helfen in schwierigen Lebens- und Arbeitssituationen.

Außerdem möchte ich gerne etwas machen, wo ich wirksam sein kann und wo ich Einfluss nehmen kann. Und es ist mir wichtig dabei, auf der „guten Seite der Macht“ zu stehen. 

Dass ich heute hier bin, als Bezirksleiter der IGBCE Mittelrhein, das ist so, weil ich gefragt worden bin, ob ich mir vorstellen kann, diesen Job zu übernehmen. Die Entscheidung dafür habe ich zusammen mit meiner Frau getroffen, wir haben zwei kleine Kinder und eine solche Entscheidung können wir aus meiner Sicht nur gemeinsam treffen. Sie ist mein Rückhalt, meine Home-Base, die ich brauche!

Genauso brauche ich den Rückhalt im Team und auch da habe ich mir die Versicherung geholt, dass sie sich vorstellen können, mit mir zu arbeiten und dass ich diese Funktion ausfüllen kann. Das betrifft das Team hier im Büro genauso wie den Bezirksvorstand.

Einige wichtige Stationen in deinem beruflichen Leben.

Eine Person möchte ich nennen: Friedhelm Hundertmark, den ehemaligen Bezirksleiter der IGBCE in Ibbenbüren. Er war mein Mentor. Ich habe mit ihm jemanden erlebt, der mit dem Herzen am richtigen Fleck die Entscheidungen trifft. Das hat mir imponiert und ich habe viel bei ihm gelernt, wofür ich ihm auch sehr dankbar bin. Ich war politischer Sekretär in seiner Geschäftsstelle.

Gibt es Erfolge, auf die du gerne zurückschaust?

Ja, auf jede Betriebserschließung. Das ist wirklich Basisarbeit pur. Meistens geht es um bessere Arbeitsbedingungen und bessere Vergütung. Und wenn die Arbeitnehmer merken, sie können was bewirken, wenn sie sich zusammenschließen, ist das ein guter Moment. Wir sind wirkmächtig, wenn wir die Mitbestimmung anwenden können.

Ich habe bisher fünf Betriebsratsgründungen begleitet, bei vieren davon sind wir auf Widerstände beim Arbeitgeber gestoßen, bei einem nicht. 

Ein Beispiel: Politape. 2023 sind wir in den Betrieb, es konnte dann ein Betriebsrat gegründet werden. 2024 war die Wahl. Die Mehrheit der Beschäftigten war dabei. Dann gab es die Anfrage an uns nach einem Tarifvertrag. Natürlich haben wir das begleitet und dabei einen guten Kontakt zu den Mitbestimmungsorganen aufgebaut. Auch da hat es Widerstände gegeben. Da haben wir demonstriert, sind mit einem lauten Demonstrationszug durch die Innenstadt von Remagen und das hat gewirkt. Der Arbeitgeber hat sich überzeugen lassen und jetzt gibt es eine Sozialpartnerschaft.

Und genau da sind wir wirksam, in diesem Dreiklang: Betriebsrat, Tarifvertrag und Sozialpartnerschaft. Dann können wir wirklich etwas bewegen als Gewerkschaft, als Beschäftigte und auch als Arbeitgeber.  

Zur aktuellen wirtschaftlichen Situation: Was wünschst du dir von der Politik?

Ich kann an dem eben Gesagten anschließen: wir haben es in unserer Branche ja oft nicht mit kleinen oder mittleren Unternehmen zu tun, sondern mit global tätigen Konzernen. Und da habe ich eine klare Forderung an die Politik: wo staatliche Förderung hingeht, muss es auch Bedingungen geben, die der Geförderte erfüllen muss, zum Beispiel Standorttreue zu Deutschland und Anerkenntnis der Mitbestimmung. Hier hat die Politik Hebel, die sie nutzen muss!

Ich glaube, wir haben ein Demokratiethema: autoritäre Strukturen sind attraktiv, weil sie einfache Lösungen in komplexen Fragestellungen versprechen. Es ist Angst vor Verlust da und einfache Lösungen sind gewollt. 

Mitbestimmung ist ein demokratisches System, das allen Sicherheit geben kann – auch dem Arbeitgeber. Deshalb müssen wir Werbung machen für unsere erkämpften demokratischen Strukturen. Das ist mir bei Besuchen in Betrieben sehr wichtig. 

Jede Tarifrunde, die einstimmig abgeschlossen wird zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, ist für mich ein Erfolg. 

Investitionen müssen dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Der Sozialstaat muss erhalten bleiben. Mit den Sondermitteln dürfen keine Haushaltslöcher gestopft werden, sondern damit muss die Zukunft gestaltet werden. Und dabei ist eine längerfristige Planung wichtig. 

Und noch einmal: Politik muss von Arbeitgebern Standorttreue fordern. Garantien sind notwendig, wenn staatliche Investitionen erfolgen. 

Außerdem braucht es steuerliche Entlastung für die arbeitende Bevölkerung. Das hat etwas mit dem Nettoverdienst zu tun. 

Und wir brauchen ein anderes Steuersystem, eines das gerecht ist: wenn die Anzahl der Milliardäre wächst und gleichzeitig immer mehr Menschen verarmen, dann stimmt etwas nicht. 

Auf diesem Boden haben immer Revolutionen begonnen. Und das zu Recht.

Und eine weitere Forderung habe ich: wir müssen viel mehr in Bildung investieren. Die aktuellen Ergebnisse der OECD-Studie sind alarmierend. Zum Hintergrund:  In ihrer neuesten Studie hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD 
die Bildungssysteme ihrer Mitgliedsstaaten verglichen. Dabei ist deutlich geworden, dass Deutschland viel mehr in die Ausstattung von Bildungsstätten investieren muss. 

1. Mai 2025 in Koblenz: Tobias Paulus (ganz links) mit der DGB-Jugend auf der Bühne

Welche Bedeutung hat der DGB für dich, für deine Arbeit?

Der DGB ist sowas wie die Familie im Geist. Wir haben das gleiche Wertesystem. Der DGB als Dachverband ist die politische Stimme der Gewerkschaften in der Politik und für mich unverzichtbar.

Und wenn ich es konkret mache, bedeutet das, handelnde Personen um mich herum, die mich unterstützen und die ich unterstützen kann, ein gegenseitiges Geben und Nehmen, Rückhalt und gegenseitige Stärkung. 

Ich wünsche mir, dass wir wahrnehmbarer werden! Wir müssen unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Und dabei sind die sozialen Medien eine wirksame Strategie. Wir dürfen das Netz nicht den Rechten überlassen. 

Und es ist möglich, an Sichtbarkeit zu gewinnen, die Partei Die Linke macht es uns gerade vor, selbst wenn sie nicht in den Landtag gekommen ist. Sie ist im Netz präsent. 

Was unterstützt dich in deinem Job?

An erster Stelle ist es meine Familie.

Dann mache ich Sport und wenn die Kinder größer sind, im Moment passt es noch nicht, dann fahre ich auch wieder Motorrad. Und auch mal einen Tag einfach genießen, das bringt für mich Ausgleich. Und natürlich regelmäßig Urlaub machen. 

Gibt es Situationen, die dir nachgehen?

Ja, das sind die Insolvenzen. Die Insolvenz vom Kunststoffhersteller Philippine in Lahnstein schmerzte mich persönlich sehr. Wir haben in der Vergangenheit viele Öffnungsklauseln bedient. Durch sie konnten wir von festgelegten Regeln abweichen, um flexibel zu sein und auf die aktuelle Situation zu reagieren. Es hat alles in letzter Konsequenz nichts genutzt.  Im Nachhinein können wir uns fragen, haben wir zu viel nachgegeben, hätte schon früher klar sein müssen, da gibt es keine Zukunft… ich weiß es nicht. Aber schlimm finde ich vor allem, hart arbeitende Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Das beschäftigt mich heute noch.

Einzelne Schicksale berühren mich, gehen mir nach. Das kann ich nicht so gut abschütteln. Dann bleibt nur weitermachen - trotzdem. In solchen Situationen hilft mir auch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und auch mit vertrauten Personen. Der kann unterstützen, eine andere Perspektive einzunehmen und das Ganze von dort zu betrachten. 

Wo siehst du dich in zehn Jahren, Tobias?

Genau hier! Das hier ist eine klasse Region, klasse Menschen, ich fühle mich hier heimisch und das soll auch so bleiben!

Danke für das Gespräch, Tobias.

 

 

Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz.

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