Interview mit Lena Schmoranzer, GEW
Foto: GEW
Lena Schmoranzer, GEW
Gewerkschaftssekretärin bei GEW
Politikwissenschaftlerin
Wie bist du zur GEW gekommen und was hat dich an der Gewerkschaftsarbeit begeistert?
Ich komme aus Hessen und habe in Marburg studiert, im Hauptfach Politikwissenschaft und im Nebenfach Rechtswissenschaft. Mein Pflichtpraktikum im Rahmen meines Studiums habe ich bei der GEW Rheinland-Pfalz in Mainz gemacht. Nur wenige Monate nach dem Praktikum und direkt nach Ende meines Studiums durfte ich anfangen, als Gewerkschaftssekretärin bei der GEW Rheinland-Pfalz zu arbeiten. Es ist also meine erste Anstellung nach dem Studium.
Mit Bildungspolitik und gewerkschaftlichem Engagement bin ich praktisch aufgewachsen: meine Eltern arbeiteten beide im pädagogischen Bereich, die Mitgliedschaft in der GEW hat dabei dazugehört. Viele Gespräche bei uns zuhause gingen um Bildungsgerechtigkeit, Schul- und Kitapolitik, aber auch um soziales, politisches und gewerkschaftliches Engagement. Im Studium habe ich mich dann mit Gewerkschaften auf wissenschaftlicher Ebene auseinandergesetzt, dazu habe ich auch meine Abschlussarbeit geschrieben. Außerdem habe ich mich im Nebenfach auf das Zivil- und Arbeitsrecht konzentriert, wofür ich mich sehr begeistere. Am wichtigsten war aber wahrscheinlich: ich war bereits früh politisch und ehrenamtlich engagiert, auch in der Interessensvertretung.
Es geht mir bei all dem um Gerechtigkeit. Und mit meinen eigenen Wertvorstellungen fühle ich mich bei der GEW sehr gut aufgehoben. Das entspricht mir. Meine jetzige Stelle bietet mir eine tolle Mischung aus politischer Arbeit und Arbeitsrecht. Ich arbeite sehr gerne in unserem Team und rechne es der GEW hoch an, dass sie mir als Berufsanfängerin diese Chance gegeben hat. Ich war 22 Jahre, als ich Gewerkschaftssekretärin wurde, und mache die Arbeit jetzt seit ziemlich genau fünf Jahren.
Was gehört zu deinem Arbeitsalltag als Gewerkschaftssekretärin?
Inhaltlich bin ich bei der GEW landesweit zuständig für die sozialpädagogischen Berufe. Das umfasst unter anderem die frühkindliche Bildung in den Kitas und die Kinder- und Jugendhilfe. Daneben gibt es die regionale Zuständigkeit: ich bin hauptamtliche Ansprechpartnerin für das nördliche Rheinland-Pfalz.
Ein großer Teil meiner Arbeit ist, Beratungen und Schulungen für Betriebs- und Personalräte sowie für unsere Mitglieder zu geben. Mitglieder oder Betriebs- und Personalräte rufen oder schreiben mich also mit ihren Anliegen an und ich helfe bestmöglich weiter. An circa zwanzig Tagen im Jahr schule ich Betriebs- und Personalräte, unter anderem vermittle ich dabei arbeitsrechtliche Grundlagen.
Ich besuche daneben regelmäßig Studienseminare, an denen Lehrkräfte während des Vorbereitungsdienstes ausgebildet werden oder Fachschulen für Sozialwesen, an denen Erzieherinnen ausgebildet werden. Außerdem werde ich auf Betriebs- oder Personalversammlungen eingeladen und spreche dort mit den Beschäftigten aus den Einrichtungen für uns.
Ein spannender Bereich ist die politische Interessensvertretung gegenüber zum Beispiel dem Bildungsministerium. In Gesprächen mit dem Ministerium können wir die Anliegen der Beschäftigten einbringen, auf Vorhaben von politischer Seite reagieren und so versuchen, mitzugestalten. Etwa, wenn es um die Einführung der neuen Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistenz oder um die landesgesetzlichen Grundlagen wie dem Kita-Gesetz geht. Und, was auch noch zu meinen Aufgaben gehört, ist die Unterstützung von Tarifrunden, wenn wir uns gerade in einer solchen befinden.
Dazu kommen die organisatorischen Aufgaben. Ich bin zuständig für unsere Geschäftsstelle in Koblenz und alles, was dabei so anfällt. Ich plane außerdem regelmäßig Veranstaltungen, die wir als GEW durchführen. Am 25. August 2026 findet zum Beispiel unser diesjähriger Tag der frühkindlichen Bildung statt, ein Fachtag mit circa 300 Teilnehmenden. Da liegt ein Großteil der Organisation bei mir.
So könnte ich jetzt noch einige weitere Dinge aufzählen, die zu meinem Arbeitsalltag dazugehören, das wird hier aber etwas lang. Ich denke es wird klar, dass jeder Tag etwas anders aussieht und die Aufgaben ziemlich vielfältig sind.
Lena Schmoranzer direkt links neben Bundeskanzler Olaf Scholz, 1. Mai 2023 in Koblenz. Foto: Privat.
Mit welchen Anliegen kommen Kolleginnen und Kollegen aus dem Kita-Bereich, für den du zuständig bist, derzeit am häufigsten auf dich zu?
In den meisten Gesprächen spielt die hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitigem Personalmangel eine Rolle. Selbst dann, wenn sie nicht das eigentliche Thema ist. Die Grundstimmung ist durch die knappen Ressourcen einfach angespannt und führt aus meiner Sicht häufig zu Problemen und Konflikten, die nicht aufträten, wenn wir gut ausgestattet wären. Für viele geht dadurch Selbstwirksamkeit verloren.
Der Bildungsanteil fällt vor allem im Kita-Bereich oft als erstes weg, wenn Personal fehlt. Dann steht verständlicherweise die Aufrechterhaltung der Betreuung im Vordergrund, was aber unzufrieden machen kann, weil die eigentliche pädagogische Arbeit nicht mehr stattfindet.
Letztlich folgt das Empfinden, seinen Aufgaben nicht gerecht werden zu können, was zu Frust und Resignation führt. Die hohe Arbeitsbelastung kann auch zu Erkrankungen oder zur Entscheidung führen, den Arbeitsplatz zu verlassen. Das verstärkt den Personalmangel dann zusätzlich. Die Rahmenbedingungen spielen also eine große Rolle.
Ein zweiter Bereich, der mir in Beratungsgesprächen oft begegnet, sind die Probleme, die durch die Trägerstrukturen der Kitas ausgelöst werden. In Rheinland-Pfalz befinden sich viele Kitas in Trägerschaft von recht kleinen, kommunalen Trägern, zum Beispiel von Ortsgemeinden mit ehrenamtlicher Leitung.
Das führt meines Erachtens doch an vielen Stellen dazu, dass die Trägerstrukturen nicht besonders professionell sind. Dort gibt es dann oft niemanden, der sich mit Arbeitsrecht oder dem geltenden Tarifvertrag auskennt, weshalb ständig dagegen verstoßen wird.
Aber auch an professioneller Trägerschaft auf einer pädagogischen, fachlichen Ebene fehlt es in dieser Konstellation oft. Man muss sich das so vorstellen: es gibt Kitas in kleinen Ortsgemeinden mit ehrenamtlichen Bürgermeistern, die Träger der Einrichtung und Arbeitgeber von vielleicht zwanzig Erzieherinnen sind. Was alles nötig ist, um die Einrichtung professionell zu begleiten, dafür haben sie oft keine Ressourcen und sind dafür auch nicht aus- oder weitergebildet.
Und leider begegnet es mir dann auch immer wieder, dass gerade die kleinen Träger die Informationen, die ihnen vom Land mit an die Hand gegeben werden, nicht kennen. Oder die Ortsbürgermeister bei arbeitsrechtlichen Fragen bei uns anrufen, da ihnen ihre Ansprechpartner wie ihr eigener Arbeitgeberverband nicht bekannt sind. Mit professionelleren Strukturen, die es ja an anderer Stelle in der Kita-Landschaft in Rheinland-Pfalz auch gibt, so denke ich, wäre schon Einiges gewonnen. Für die Beschäftigten und für die Bildungsqualität.
Bildungsstreik in Köln 29. Januar 2026
Foto: privat
Wo siehst du den größten Handlungsbedarf für bessere Arbeitsbedingungen in Schulen, Kitas und Hochschulen?
Wir brauchen mehr Ressourcen für Bildung. Wenn wir uns vorstellen, was wir mit einer besseren Finanzierung des Bildungssystems ermöglichen könnten.
Eine bessere Finanzierung könnte in den Kitas eine bessere Fachkraft-Kind-Relation bedeuten. Oder dazu führen, dass wir mehr gut ausgebildete Fachkräfte beschäftigen können. Die Leitungsdeputate könnten erhöht werden, so dass die Leitungen mehr Stunden für Organisation, Ämterkontakte, Elternarbeit und Teamführung zur Verfügung hätten. Dass mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung und die mittelbare pädagogische Arbeit zur Verfügung steht.
In der Kinder- und Jugendhilfe könnten mehr Angebote etabliert werden. Mehr Geld in Personal investiert, könnte auch kleinere Klassen in Schulen ermöglichen oder eine Doppelbesetzung in Klassenzimmern finanzieren.
Im Bereich der Hochschule könnten mehr unbefristete Stellen eingerichtet werden, die sowohl Sicherheit für die Beschäftigten bedeuten, aber auch Kontinuität und Qualität, gerade für die Daueraufgaben.
Wenn es darauf ankommt, kann ich die Forderungsliste kurzhalten: es hängt wirklich viel von den finanziellen Ressourcen ab, die zur Verfügung stehen.
Welches Anliegen liegt dir am meisten am Herzen?
Politisch liegt mir das Thema Gerechtigkeit am meisten am Herzen. Sozial gesehen, am Arbeitsplatz und in der Bildung. Auf meine Arbeit bezogen möchte eine Anlaufstelle für Mitglieder bieten, in der sie gehört werden und erleben, dass sie nicht alleine dastehen. Wo sie Informationen über ihre Rechte und Ideen erhalten, wie sie diese durchsetzen können.
Ich möchte sie unterstützen bei ihren Ideen, Bedarfen oder Problemen bezogen auf ihren Arbeitsplatz und das Bildungssystem als solches. Idealerweise gelingt es, sie so auszustatten, dass sie sich selbst gut vertreten können und sich für ihre Rechte und Interessen einsetzen können. Also Hilfe zur Selbsthilfe sag ich mal.
Gibt es einen Erfolg aus deiner Arbeit, auf den du besonders stolz bist?
Wenn ich hier jetzt eine Sache nennen würde, gehen die vielen alltäglichen Situationen unter. Wenn ich jemanden berate oder schule und die Person geht hoffnungsvoller, mit mehr Klarheit und vor allem mit einer Perspektive aus dem Gespräch, ist das für mich der größte Erfolg. Ich konnte konkret weiterhelfen und für die Person etwas verändern.
Warum lohnt es sich gerade heute, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein?
Aus meiner Sicht haben Gewerkschaften viel erreicht und hier in Deutschland auch wirklich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wir haben das Prinzip der Tarifautonomie, sind Sprachrohr in die Politik hinein und sitzen in verschiedenen Entscheidungsgremien. Das ist nicht vom Himmel gefallen, dafür haben sich viele Beschäftigte eingesetzt und es ist unsere Pflicht und unsere Möglichkeit, diese Errungenschaften zu nutzen.
Dafür brauchen wir viele Mitglieder. Der starke Auftritt durch viele wirkt. Die Errungenschaften können angegriffen werden, wie jetzt zum Beispiel der 8-Stunden-Tag. Da müssen wir uns mit allen Mitteln wehren, die erstritten wurden und uns zur Verfügung stehen. Und genau deshalb gibt es gerade heute gute Gründe, Gewerkschaftsmitglied zu sein.
Welche Bedeutung hat der DGB für dein Engagement?
Der DGB ist unser Sprachrohr. Er bündelt die Interessen der verschiedenen Branchen und spricht dann für uns alle. Deshalb ist der Dachverband wichtig. Wenn wir so viele aus so unterschiedlichen Bereichen sind, dann haben wir ein Gewicht gegenüber der Politik.
Der DGB unterstützt und ergänzt außerdem unsere Angebote. Er kann Inhalte bündeln, die uns alle betreffen. Zum Beispiel finde ich, dass Angebote in der Bildungsarbeit gegen Rechts gut beim Dachverband angesiedelt sind.
Ein anderes Beispiel: ich hatte eine Anfrage einer jungen Erzieherin aus Mainz, die Begegnungsmöglichkeiten mit jungen Gewerkschaftern suchte. Da konnte ich sie an den DGB-Jugend-Stammtisch in Mainz verweisen, damit sie dort Kontakte knüpfen kann.
Was wünschst du dir für die Zukunft von Bildung und Erziehung? Was müsste aus deiner Sicht heute in fünf Jahren umgesetzt sein?
Dazu habe ich vorhin ja schon gesagt, dass es mehr Ressourcen braucht.
Was es aber auch braucht, ist ein Verständnis der Politik und der Gesellschaft für den Wert von Bildung. Bildung ist wertvoll für jede Einzelne und auch für unsere Gesellschaft insgesamt. Bildung ist zum Beispiel die Grundlage für eine demokratische Gesellschaft oder eine funktionierende Wirtschaft. Und Bildung startet eben schon im frühkindlichen Bereich, hier werden die Grundsteine gelegt, weshalb dieser als genauso wichtiger Bildungsbaustein anerkannt werden sollte.
Was bedeutet Solidarität für dich ganz persönlich?
Solidarität bedeutet für mich, Menschen mit Empathie zu begegnen, aufeinander zuzugehen und füreinander einzustehen. Solidarität ist die Bereitschaft, für andere einzutreten, so dass niemand alleine steht.
Foto: Mara Bierbrauer
Und wenn du träumen könntest, wo bist du in zehn Jahren?
Tatsächlich würde ich mir wünschen, dass ich noch genauso glücklich mit meiner Arbeit und meinem Leben bin, wie ich es jetzt bin. Dementsprechend wäre ich in 10 Jahren gern da, wo ich jetzt bin.
Ich kann mich für etwas einsetzen, woran ich glaube, und habe das Gefühl, ich tue etwas Sinnvolles. Ich erfahre dabei viel Wertschätzung und die Arbeitsbedingungen passen mir gut.
Die Mischung meiner Aufgaben gefällt mir, jeder Arbeitstag ist anders und ich habe dadurch viel Abwechslung. Ich empfinde es wirklich als ein riesiges Privileg, bereits zu meiner ersten Arbeitsstelle sagen zu können: ich kann mir keine bessere vorstellen.
Danke dir, Lena, für das Gespräch und dann alles Gute für die nächsten Jahre.
Das Gespräch führte Edith Sauerbier, DGB Koblenz