Interview mit Andrea Opitz, IGBCE
Foto: Privat
- Betriebsratsvorsitzende bei Finzelberg Andernach
- Chemielaborantin
- Vorstand IGBCE Mittelrhein
- Landesvorstand IG BCE Rheinland-Pfalz/Saarland
- Mitglied im Finanzausschuss und im Beirat der IG BCE
- Ehrenamtliche Landesarbeitsrichterin
Wie bist du zu deinem gewerkschaftlichen Engagement gekommen, Andrea?
Ich habe 1986 meine Ausbildung als Chemielaborantin bei Finzelberg begonnen und schon im ersten Lehrjahr wurde ich vom Betriebsrat angesprochen. Er lud mich ein, Jugendvertreterin zu werden. Ich verstand das so, dass ich so etwas wie eine Klassensprecherin für uns Auszubildende wurde. Damals gab es bei der Anzahl der Auszubildenden nur eine Jugendvertreterin, heute sind es drei, da wir mehr ausbilden.
Ich bin seitdem in der Interessensvertretung engagiert. Nach einer zweijährigen Pause, in der ich studierte, kam ich zurück zu Finzelberg und wurde Vertrauensfrau. 2002 habe ich dann das erste Mal für den Betriebsrat kandidiert und bin nun das zweite Mal freigestellte Betriebsratsvorsitzende.
Ich halte es für eine Bürgerpflicht, sich einzubringen und da, wo es nötig und möglich ist, Veränderungen mitzugestalten.
Ich setze mich derzeit auch für den Erhalt eines Spielplatzes innerhalb meines Wohngebiets ein. Gerade jetzt in den heißen Tagen wird er als Lebensraum dringend gebraucht, um den überhitzten Wohnungen ausweichen zu können. Mit seinem alten Baumbestand bietet er ein kühles Klima und ist ein beliebter Treffpunkt für alle Bewohner des Wohnviertels.
Bei der Betriebsratsarbeit ist es das Gleiche: ich setze mich dafür ein, dass Dinge, die uns hier im Betrieb betreffen, gut geregelt und gemeinsam gestaltet werden. Dabei geht es mir immer darum, so zu verhandeln, dass am Ende ein guter Kompromiss oder im besten Fall eine Win-Win-Lösung für alle rauskommt. Das ist zwar manchmal zäh, aber in meinen Augen ist das der einzige Weg für wirklich nachhaltige und tragfähige Lösungen. Dafür braucht man Überzeugungskraft und manchmal auch einen langen Atem.
Welche Bedeutung hat für dich Mitbestimmung? Tarifbindung?
Sie ist unverzichtbar, weil sie uns die Möglichkeit gibt, mitzugestalten. Hier in der betrieblichen Ebene geht es dann zum Beispiel um Arbeitszeitmodelle, die zu uns passen, oder um betriebliche Altersvorsorge.
Da wir tarifgebunden sind, muss ich hier bestimmte Dinge nicht mehr ansprechen, sie sind selbstverständlich, wie beispielsweise der Acht-Stunden-Tag. Und ich kann im Moment nicht verstehen, dass diese Errungenschaft, die von allen getragen wird – auch von den Arbeitgebern – jetzt von der Politik in Frage gestellt wird.
Die Tarifbindung ist für mich ein hohes Gut. Tarifverträge könnten nicht von Einzelnen erstritten werden, da braucht es viele.
Wenn ich mich in der IGBCE engagiere, dann geht es nicht nur um meinen Betrieb, sondern dann sind wir eingebunden in eine größere Organisation, die im Zusammenspiel mit dem DGB größere Linien mitbestimmt und gestaltet.
Für mich ist der Austausch mit anderen Betriebsräten auch immer hilfreich. Er weitet den Blick und relativiert manchmal die eigene Situation. Und es ist ein Schatz, auf die Erkenntnisse und Erfahrungen anderer zurückgreifen zu können. Gemeinschaft stärkt.
Bei Tarifverhandlungen, Foto: IGBCE
Gibt es Erfolge, auf die du gerne zurückschaust?
Oh ja, der erste Erfolg, über den ich mich immer noch freue, ist für mich ein Meilenstein:
Bereits bei der betrieblichen Umsetzung des Tarifvertrags „Moderne Arbeitszeit“ der IGBCE im Jahr 2020 konnten wir durchsetzen, dass der Zukunftsbetrag für Gewerkschaftsmitglieder in zusätzliche freie Tage umgewandelt werden kann. Zunächst waren dies zwei freie Tage pro Jahr. Im vergangenen Jahr ist es uns gelungen, diese Regelung weiter zu verbessern, sodass Gewerkschaftsmitglieder - und nur diese - heute vier zusätzliche freie Tage jährlich erhalten.
Damit wird anerkannt, dass die tariflichen Verbesserungen durch die Gewerkschaft erkämpft werden und ihre Mitglieder einen besonderen Beitrag leisten. Bei Finzelberg liegt der Organisationsgrad seit vielen Jahren bei über 90 Prozent – also nicht erst seit Einführung dieser Regelung. Die zusätzlichen freien Tage sind daher Ausdruck der Wertschätzung für das starke gewerkschaftliche Engagement und den besonderen Status der IGBCE-Mitglieder.
Und ein zweiter Erfolg fällt mir ein und das war echt ein dickes Brett: es gab bei uns eine Betriebsvereinbarung zur Rufbereitschaft. Sie war über zwanzig Jahre alt und schon lange nicht mehr zeitgemäß. Es ist uns gelungen zunächst in einem Arbeitskreis diese zu überarbeiten und anzupassen und dann auch mit der Geschäftsleitung abzustimmen. Jetzt haben wir seit 2022 eine neue Betriebsvereinbarung zu diesem wichtigen Thema und ich bin stolz darauf, dass uns das gelungen ist.
Kannst du dich auch an ein Scheitern erinnern? Eine Situation, in der du nicht erreichen konntest, was dir wichtig war?
Für mich gibt es nicht das Beispiel, wo ich sagen könnte: ich oder wir als Betriebsrat seien gescheitert. Es ist immer ein Geben und Nehmen, immer ein Abwägen. Mal stimmen wir etwas zu, das nicht unser Optimum ist, und mal tut es der Arbeitgeber. Es gibt in dieser Arbeit für mich nicht nur schwarz oder weiß, wir befinden uns sozusagen viel im Graubereich. Und mir ist wichtig, das so zu sehen.
Finzelberg GmbH und Co. KG wurde 1875 gegründet. Mit Sitz in Andernach. Kannst du etwas zu eurem Betrieb sagen? Er ist seit 150 Jahren Familienbetrieb.
Finzelberg stellt Arzneimittel-Grundstoffe aus Heilpflanzen für die Pharmaindustrie her. In den allermeisten pflanzlichen Arzneimitteln, die in der Apotheke erhältlich sind, stecken unsere Extrakte. Im Moment gibt es eine politische Debatte auf EU-Ebene, von der wir auch betroffen sind: wie sind pflanzliche Produkte, sogenannte Botanicals, rechtlich abzugrenzen und unter welchen Voraussetzungen gelten sie als Nahrungsergänzungsmittel oder eben als Arzneimittel.
Finzelberg wurde hier am Standort von einem Andernacher Apotheker gegründet und unsere Produktion besteht aus zwei Bereichen: der Extraktion und der Trocknung. Ähnlich wie beim Kaffee kochen werden aus den Pflanzen zunächst die Wirkstoffe extrahiert. Dazu brauchen wir viel Energie, ebenso wie zur dann anstehenden Trocknung, damit aus dem sirupartigen Extrakt ein trockenes Pulver wird.
Die Qualität unserer Produkte wird an unserem Laborstandort in Sinzig, etwa 17 km von Andernach kontrolliert. Sowohl bei der Produktion als auch bei der Qualitätskontrolle unterliegen wir vielfältigen Regularien wie zum Beispiel GMP. Dahinter verbirgt sich ein Regelwerk mit dem Namen „Good Manufacturing Practice“, also auf Deutsch: Gute Herstellungspraxis, zur Qualitätssicherung bei Produktionsabläufen. Daneben gibt es weitere unter anderem das Arzneimittelgesetz und so weiter.
Seit 2025 sind wir an beiden Standorten klimaneutral, das heißt wir achten sehr auf Nachhaltigkeit. Wir erzeugen den für die Produktion nötigen Wasserdampf durch unser neues Biomassekraftwerk, haben fast überall Fotovoltaikanlagen. Es gibt auch eine Lösungsmittel-Rückgewinnung und die Wasseraufbereitung.
Wir sind auch abhängig von einem kontrollierten Pflanzenanbau, damit wir die regulatorischen Vorgaben einhalten. Die Drogenbeschaffung, also der Kauf der benötigten Pflanzen wird immer schwieriger. Dazu kommt auch, dass sich die Anbaugebiete durch die Klimaerwärmung verändern. Klimaschutz gehört daher zu unserem Geschäftsmodell.
Wir haben hier im Werk Hochbeete, in denen unsere Kolleginnen und Kollegen Obst und Gemüse anbauen können, haben eigene Bienenvölker, begrünen die Dächer der Fahrradunterstände, um einige Beispiele zu nennen, wie sehr wir die Belegschaft auch praktisch mitnehmen in die Nachhaltigkeit und den Umweltschutz.
Die erreichte Klimaneutralität ist letztlich unsere Zukunftssicherung – und das verstehen alle, die hier arbeiten.
Wir sind nach wie vor ein familiengeführtes Unternehmen. Die Martin-Bauer-Gruppe, die Ende der 80iger Jahre eingestiegen ist, ist ein Familienunternehmen bereits in der vierten Generation. Finzelberg hat sich als Teil des „the nature networks“ nachhaltig entwickelt und es gilt die Devise: „Unser Unternehmen soll enkelfähig sein.“
Arbeitsministerin Dörthe Schall zum Betriebsbesuch bei Finzelberg, Foto: privat
Ich bin jetzt seit 1986 hier im Betrieb. Ich wurde gefördert und unterstützt. Das gilt auch für unsere Auszubildenden. Viele bleiben hier im Betrieb. Alle Stellen, die besetzt werden, werden zunächst intern ausgeschrieben, so dass Wechsel und Veränderungen möglich sind. Einige Familien arbeiten jetzt in zweiter und auch dritter Generation bei Finzelberg.
Du bist auch als Arbeitsrichterin tätig. Was ist dir an diesem Engagement wichtig?
Ja, das ist schon spannend vor Gericht und das live miterleben zu können. Es bringt mir praktisches Wissen im Arbeitsrecht und deshalb ist es auf jeden Fall auch für mich selbst bereichernd.
Ich finde es eine totale Errungenschaft, dass es neben einem hauptamtlichen Richter noch zwei Ehrenamtliche gibt, für die Arbeitgeberseite und für die Arbeitnehmerseite. Wenn wir aus unseren unterschiedlichen Blickwinkeln dann zur selben Einschätzung kommen, ist das stärkend und auch beeindruckend. Das ist echt eine großartige Sache und für mich Ausdruck von gelebter Demokratie. Und es ist eine Ehre, da einbezogen zu sein und eine Stimme zu haben. Ich mache dieses Amt gerne.
Welche Bedeutung hat der DGB für deine Arbeit, dein Engagement?
Ich kenne meinen Betrieb. Durch die IGBCE lerne ich, über den Tellerrand zu schauen in andere Betriebe und auch Branchen. Und durch den DGB wird der Blick noch einmal größer, weil der Dachverband die einzige Lobby ist, die die Arbeitnehmer in der politischen Interessensvertretung haben. Und ich finde es immer wieder spannend, wie es dem DGB gelingt, die unterschiedlichen Sichtweisen zu bündeln. Gerade in der anstehenden Sozialstaatsdebatte hat der DGB eine wichtige Stimme. Er ist unsere Stimme.
Du arbeitest im Vorstand der IGBCE Mittelrhein mit. Von welcher Aktion, welchem Ergebnis, welcher Situation wirst du noch in zehn Jahren erzählen?
Hm.. da fällt mir eine Kundgebung in Ludwigshafen ein, zu der wir mit einer kleinen Gruppe Finzelberger im Bus der IGBCE mitgefahren sind. Es ging um die Verbesserung der Altersvorsorge, um Betriebsrenten und um den Chemiepensionsfond. Es war einfach gut, diese Gemeinschaft zu erleben und zu wissen, ich stehe da nicht allein für ein, sondern wir sind viele. Das ist so ähnlich wie beim 1. Mai.
Gemeinschaft muss erlebt werden. Das brauchen Gewerkschaften und jeder Einzelne. Weil dann erlebbar wird, welche Macht wir haben, wenn wir viele sind. Dann können wir den Arbeitgeber oder auch die Politik zu Gesprächen bringen und auch zu Zugeständnissen. Das kann der oder die Einzelne nicht.
1. Mai 2023 in Koblenz, Foto: privat
Dieses Jahr waren Betriebsratswahlen. Du bist wiedergewählt worden und auch erneut Vorsitzende. Was möchtest du in den nächsten vier Jahren erreichen?
In den nächsten vier Jahren da habe ich schon einige Vorhaben. Ganz oben auf meiner Liste steht die Überarbeitung unserer betrieblichen Altersvorsorge. Die jetzige Lösung braucht eine Aktualisierung und Anpassung.
Das Thema Transformation wird uns weiter beschäftigen. Da sind wir eingebunden in die Martin-Bauer-Gruppe und da werden sicher Anforderungen an uns formuliert, mit denen wir uns beschäftigen müssen.
Und das große Thema KI rollt auf uns zu. Ich bin da klar: KI soll helfen und unterstützen, den Menschen aber nicht überflüssig machen. Ich habe große Befürchtungen: wenn Fachkräfte nicht gefunden werden, weil nicht genügend ausgebildet wurde, dann besteht die Gefahr, dass KI eingesetzt wird, um Arbeitsplätze dauerhaft zu ersetzen. Eine erste Richtlinie für KI liegt bei uns vor. Da geht es um die Einführung und Nutzungsregeln von KI-Systemen. Es geht aber auch um notwendige Schulungen von Mitarbeitenden.
Gibt es etwas, das du gerne weitergeben möchtest an die nächste Generation von Betriebsratsmitgliedern?
Ja, da habe ich Konkretes:
- Das Wir-Gefühl ist wichtig. Es geht um Zusammenarbeit für unsere Kolleginnen und Kollegen und nicht um die persönlichen Anliegen.
- Ich darf nicht nur nach den Interessen der Kollegen und Kolleginnen schauen, sondern muss auch die wirtschaftliche Situation im Auge haben.
- Es ist essentiell sich für den Job als Betriebsrat zu qualifizieren. Nur dann kann ich mein Amt wirklich gut ausfüllen. Wissen stärkt und gibt Selbstbewusstsein. Das ist gerade für neue Kolleginnen und Kollegen relevant.
Wir haben nun ein neues Gremium. Alle wurden wiedergewählt, einige sind ausgeschieden, weil sie nicht mehr kandidierten. Nun geht es darum, die beiden Neuen, die unterschiedliche Expertise mitbringen, zu integrieren und die Arbeit unter uns zu verteilen. Ich halte viel von Arbeitsteilung. Nicht alle können alles. Und nicht jeder muss alles können.
Es geht darum, dass wir als Gremium zusammenwachsen, eine Einheit sind. Es geht um die Sache und nicht um den Einzelnen. Wir arbeiten gemeinsam für ein Kollektiv.
Wenn du mit 25 Jahren schon gewusst hättest, was du heute weißt, ob und wie würde das deine beruflichen Entscheidungen beeinflussen?
Vielleicht würde ich mein Studium beenden. Aber letztlich gilt, dass das Leben nicht wirklich planbar ist. Von daher trauere ich Vergangenem nicht nach, sondern orientiere mich nach vorne. Und bin großzügig mit mir und meinen Entscheidungen im Nachhinein.
Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist, in diesem Interview zu sagen?
Wenn ich auf die vergangenen vierzig Jahre bei Finzelberg schaue, überwiegt vor allem Dankbarkeit. Ich habe viele Entwicklungsmöglichkeiten erhalten - auch zum Nutzen des Unternehmens und der Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.
Was mir zum Schluss noch wichtig ist: Ich bin jederzeit ansprechbar. Ich bin eine Vertrauensperson und nicht nur ein Regelungsorgan. Deshalb freue ich mich über jeden offenen Austausch, mit Mitarbeitenden ebenso wie mit Führungskräften. Und so möchte ich auch im Betrieb wahrgenommen werden. Alle sind eingeladen, das Gespräch mit mir zu suchen, so können wir voneinander lernen und gemeinsam gute Lösungen finden.
Danke, Andrea, für dieses Gespräch. Alles Gute für die nächsten Jahre.