Deutscher Gewerkschaftsbund

PM 015 - 23.04.2021
Saisonstart im Corona-Jahr 2021

DGB fordert Schutz für Erntehelfer*innen

Tausende Erntehelfer*innen in Rheinland-Pfalz – DGB fordert besseren Sozial- und Infektionsschutz. Warnung vor Zuständen wie in der Fleischwirtschaft.

Mit dem Saisonstart in der Landwirtschaft kommen auch in diesem Jahr tausende Erntehelfer*innen nach Rheinland-Pfalz. Ende Juni 2020 waren 9.457 von ihnen ohne Kranken-, Arbeitslosen- oder Rentenversicherung auf den Feldern im Land beschäftigt. Auch in diesem zweiten Corona-Jahr hat die Bundesregierung die eigentlich auf 70 Tage begrenzte Frist, innerhalb der die Erntehelfer*innen sozialversicherungsfrei beschäftigt werden können, ausgeweitet – auf insgesamt 102 Tage und trotz Pandemie.  

„Ohne die Saisonbeschäftigten aus Rumänien, Polen oder Bulgarien gibt es keinen Spargel, keine Erdbeeren und keinen Wein. Aber in der Landwirtschaft gilt das Credo: Billig müssen die Arbeitskräfte sein“, kritisiert Dietmar Muscheid, Vorsitzender des DGB Rheinland-Pfalz / Saarland. „Die Bundesregierung ist auch dieses Jahr vor der Landwirtschaftslobby eingeknickt und öffnet Tür und Tor, um die Sozialversicherungspflicht für vier Monate zu umgehen. Wir lehnen diese missbrauchsanfällige Regelung ab. Sie war ursprünglich für die Ferienzeit von Schüler*innen und Student*innen gedacht. Darauf muss sie auch wieder begrenzt werden.“, fordert der Gewerkschafter.

Auch in diesem Jahr werden die Unterkünfte wieder überbelegt sein, werden Sanitäreinrichtungen Mangelware und unhygienisch sein, werden die Hygiene- und Infektionsschutzregeln nicht eingehalten und zu wenig kontrolliert werden, prognostiziert Muscheid: „Wegen Corona müssen Schlafräume eigentlich einzeln belegt werden. Aber auch da lässt die Bundesregierung Schlupflöcher: Wenn eine Einzelbelegung nicht möglich ist, dann darf mit einer halbierten Belegungsdichte einfach weitergearbeitet werden. Beschäftigte müssten nachts in einem Doppel- oder Vierbettzimmer schlafen, ohne zu wissen, ob Ihre Kolleginnen und Kollegen Sie vielleicht anstecken. Wenn wir hier vor Ort nicht bald Zustände wie in der Fleischwirtschaft haben wollen, dann brauchen die Beschäftigten besseren Schutz. Zumindest für die Dauer der Pandemie muss eine zwingende Unterbringung in Einzelzimmern gelten.“  

Der DGB fordert Sozialversicherungsschutz ab dem ersten Tag der Beschäftigung, einen schlagkräftigen Arbeits- und Infektionsschutz und das Ende von Mindestlohnbetrug sowie miesen und überteuerten Unterkünften. „Wenn die Zustände weiter menschenunwürdig bleiben, dann finden wir bald niemanden mehr, der auf deutschen Feldern arbeiten will. Schon jetzt werben die Betriebe vermehrt in Drittstaaten wie Moldau oder Georgien an“, gibt Muscheid zu bedenken. Er fordert, dass Arbeitgeber an der Verhandlungstisch mit der zuständigen Branchengewerkschaft IG BAU kommen: „Wir brauchen einen Flächentarifvertrag, in dem die Rechte der Beschäftigten verbindlich abgesichert sind.“

Die Ausweitung der sozialversicherungsfreien Beschäftigung auf 102 Tage für das Jahr 2021 betrifft aber nicht nur die Landwirtschaft. Im Juni 2020 gab es in Rheinland-Pfalz auch 1.645 Beschäftigte im Bereich der Lagerwirtschaft, Post und Zustellung sowie 501 in der Gastronomie, die nach dieser Regelung monatelang sozialversicherungsfrei gearbeitet haben – und das zusätzlich zu der Vielzahl an 450-Euro Jobs in diesen Bereichen und trotz des Einbruchs des Tourismus im letzten Jahr. Auch hier kommt der Großteil der Beschäftigten aus osteuropäischen EU-Ländern.     


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